Pakistan fashion design 2018

Pakistan fashion design 2018

Es sind Bilder von berauschender poetischer Kraft und Klarheit, die der namenlose Protagonist in Silke Andrea Schuemmers erstem Roman findet, um von seiner Liebe zu Rema zu berichten, deren Wurzeln bis in die Tage der Kindheit zurückreichen, um sich ihr in immer drängender werdenden Erzählbewegungen anzunähern. In Briefen, die an niemand anderen adressiert sind als an den Leser selbst, legt er Zeugnis ab: von seiner Lehre bei der heiligen Korbflechterin, vom Alten, dem Vertrauten der Mutter, die so anders war als die Frauen der Stadt, vom Vater und dessen Verwandlung in den Habicht, der nach ihrem Tod alle von ihr gepflanzten Bäume abschlägt und die Vögelinnen zerdrückt, von seinem eigenen fluchtartigen Aufbruch, seiner Zeit bei den kupferfarbenen Geschwistern, vom Reiter und den Bunkern um die Stadt, jenseits des Sees, und von den Strichmädchen, die schließlich, als er sich von dem Fenster, das allein ihm den Blick auf Remas Haus ermöglicht, nicht mehr lösen kann, zu seiner einzigen Verbindung nach draußen werden.
So eng schnürt er seine Fäden um Rema, so stark ergreift sie Besitz von ihm – und er von ihr –, dass er glaubt, ihr nur noch im Tod begegnen zu können ...
»Remas Haus« ist ein Roman über die Leidenschaft zur Literatur, über die Lust des Schreibenden und die Lust des Lesers, ihm dabei zuzusehen.

»eine[r] der virtuosesten, poetischsten und zugleich sperrigsten und verstörendsten deutschsprachigen Romane der letzten Jahre [...] Wie ein Fiebertraum überwältigt die elementare Kraft von Schuemmers Sprache den Leser, reißt ihn in einen Strudel des Phantastischen.« Frank Schorneck, Macondo
»Ein gutes Buch« Olaf Velte, Am Erker
»Um diese Buchcover angemessen zu würdigen, zu preisen, zu feiern, müsste man ein Buch schreiben. Das Konzept ist raffiniert, jedes Detail wurde perfekt umgesetzt, die Elemente sind so stimmig und zahlreich, dass die Gestaltung lange vom Lesen abhält. Glaubt man. Doch wer den Umschlag betrachtet, aufklappt und befühlt, wird nicht abgehalten - sondern vorbereitet. Die Gestaltung macht uns vertraut mit einem schwierigen, aber gewaltigen Buch. Seine Geschichte begreift nur, wer sich auf die Logik des besessen liebenden Erzählers einlässt, seine starken Bilder wirken lässt, ohne gleich alles wissen zu wollen.«bücher-Magazin

5. Brief: ja

manchmal sitze ich an meinem Fenster und sehe von einer Wand zur nächsten, oder ich summe vor mich hin, unbedeutende Melodien und Lieder, an die ich jahrelang nicht gedacht habe. Ich trete an das Fenster, so dass das linke Schienbein fest an die rote Liege drückt. Und ich winkle das rechte Knie an und lege den Unterschenkel vorsichtiger als sonst auf den roten Bezug, spüre die Federung, bewege das Bein nach links und rechts und fühle, wie sich die Fasern dem Druck entgegensetzen und dann weicher werden irgendwann.
An solchen Tagen ist es auch, dass ich nur einen flüchtigen Blick auf Remas Haus werfe und sachlich und vollkommen ruhig feststelle, ja, ein Haus, Remas Haus, und ich sage mir einmal, nur einmal, dass ich in ihrer Nähe bin, dass ich sie fast schon sehen kann, dass ich weit gereist bin, um dieses Fenster zu finden, und dass ich eigentlich dankbar sein muss, es zu haben und Remas Haus wenigstens sehen zu können. Nur einmal sage ich mir das an solchen Tagen, und ich glaube es selbst kaum, wenn dann die Spindel in meinem Brustkorb langsam und vollendet elliptisch schwingt und weite Bögen beschreibt von einem Muskelnetz zum nächsten und leise schwirrende Fäden zieht, die mein Herz langsam schlagen machen, und mir bewusst wird, dass es genug ist. Dass viel erreicht ist mit diesem Blick und dass ich viele Augenblicke dazwischen genieße: wenn morgens ein Dunst um die Ecke weht, damit er die Nacht nicht verliert, die jetzt irgendwo anders ihr Unwesen treibt. Wenn der letzte Schatten Grau sich um die verwitterten Buchstaben der Maueranker auf Remas Haus wickelt. Wenn die Fassade dann aufklart und mit ihr mein Blick, der unverwandt seit dem vorangegangenen Abend das Haus entlanggefühlt hat, weil es ja sein könnte, dass sie sich nachts zeigt, irgendwann muss und wird sie es schließlich tun. Oder das schmiedeeiserne Tor auf der Rückseite, das von hier oben aus einen schwarzen Draht zwischen die beiden Mauern spannt und dann mit der Sonne beginnt, Scherben aus dem gefliesten Hof zu brechen, mit vorsichtiger Hand filigrane, haarkantig umrissene Scherben aus Bruchstein, in Schwüngen und gebogenen Formen, wie man kristallnes Eis bricht, wie ich das Halbkopfbild spröde Leimfäden ziehend aus seinem Rahmen gebrochen habe, wie Rema meine Wirbel brechen wird, mit ganz leichter Hand.
Ich habe mich darum bislang herumgedrückt, aber jetzt wird es doch einmal Zeit, dass ich es Ihnen mitteile, denn meine Mutter hat mit ihrem Sturz viel mehr in Bewegung gesetzt, als Sie ahnen. Sie hat etwas aus der Ordnung gehoben, durch ihren Flug einen verrosteten Hebel gelöst:
Niemals, seit ich hier bin, und wenn ich etwas anderes behauptet haben sollte, dann nur, um Sie nicht zu erschrecken, niemals also ist es mehr Tag oder Nacht geworden zwischen Remas Haus und meinem Fenster. Zwischen ihrem Haus und mir ist es Licht, immerzu Licht. Aber natürlich brauche ich meinen Schlaf dann und wann. Und außerdem würde es die stumpfgesichtigen Mädchen erschrecken, wenn sie sich herablassen, bei mir zu liegen. Was die kleinen Flittchen nicht sehen, ist, dass es aus diesem einen, meinem, Fenster, keinen Tageswechsel gibt.
Da ist in Wirklichkeit ein Gewölk von braunen, unscheinbaren Vögelinnen, die sich mein Fenster aussuchen, um gemeinschaftlich etwas hervorzubrüten, das sie in der Stadt verhungern ließen. Und so setzen sich die ersten Vögelinnen gegen Abend auf meine Fensterbank, und mit jeder vorwärts drehenden Stunde kauern sich weitere auf deren Schultern. In ungeordneten, zufälligen Mustern entsteht so ein dicht gedrängter Vorhang aus Vögelinnenleibern, mit laut schlagenden Herzen unter dem Gefieder. Sie brüten das gefensterte Ei, in dessen Hülle ich mich bewege. Was schlüpfen würde, wenn Rema sich endlich dazu herabließe, dieses Ei zu befruchten, ist für mich genauso unaussprechlich wie für Sie. Aber ich lege Ihnen Spuren aus schwarzem Kalk in meine Briefe, vogelgescharrte Spuren, die Sie deuten können, wenn Sie an Vorhersagen glauben. Sobald es Morgen wird, stürzt eine Vögelin nach der nächsten von den Schultern der unteren und aus dem Gekrall der über ihr und fliegt lautlos in weitem Bogen um Remas Haus in die Schleife der nächsten Nacht. Und auch die kleine Straßengöre zieht ihre strähnigen Haare von meinen Schenkeln und verschwindet, solange ich vorgebe, noch zu schlafen, während ich an den Bettrahmen genagelt verkrümmt daliege und ihr Speichel in meinem Mund nach Essig schmeckt.
Haben Sie eigentlich gewusst, dass ich fast ein Heiliger geworden wäre? Es stimmt. Ich bin nämlich bei einer Heiligen in die Lehre gegangen. Die Jahre, bevor mir die Brust wuchs, dieses Geheimnis, das meine Mutter geahnt hat und das ich ihr gerne irgendwann gezeigt hätte, damit sie mir eine Erklärung findet, wäre sie nicht von dem Vater vom Rang ins Parkett gestoßen worden, diese Jahre also verbrachte ich, weil ich schon zu alt für die Schule unserer Stadt war, bei einer Korbflechterin. Und die war wirklich eine Heilige.
Sie zeigte mir die verschiedenen Flechtstöcke aus Weide, Rohr, Binsen oder einfachen Zweigen, und sie achtete streng darauf, dass ich ihr genau zuhörte und hinsah, wenn sie mich unterrichtete. Gräser und Rinden lernte ich genauso wie Fell- oder Lederstreifen und Tiersehnen blind zu verflechten. Die Heilige hatte die Haut einer Paranuss und war über und über Lächeln. Dieses Lächeln legte einen Film über ihre Gesten, die weicher waren, als ich es sonst bei den Frauen in der Stadt kannte. Es sah so aus, als versuche sie, mit ihrem sehnigen Körper der Luft um sich herum auszuweichen. Oder als sei diese eine verletzliche Hülle, in der sie stand und ging, ohne sie zu verletzen. Man sah sie bereits von weitem kommen, denn sie war groß und biegsam wie das Holz, das sie formte, und trug immer mehrere Lagen Stoff in verschiedenen Farben übereinander. Ihr Haar wuchs in einer dichten Krause um den Kopf und fügte den runden Formen ihres Gesichtes, den Kieselsteinaugen und den weich abgeschliffenen weißen Zähnen mit der Zahnlücke vorn einen kantigen Abschluss zu. Denn das Haar wuchs in einer eckigen Form links und rechts am Hinterkopf. Und wenn sie unter ihrem leisen Lachen das Kinn senkte und die Bauchdecke in schnellem Zucken anhob und fallen ließ, während die Schultern den Hals unter Zittern verbargen, ging diese Bewegung bis in die äußersten Spitzen ihres Haares.
Ihren Namen hatte die Stadt für unaussprechlich erklärt, denn sie trug den ihrer Patin, die aus einem heißen, immer hellen Land kam, und kaum einer in der Stadt konnte ihn buchstabieren. Er fing mit einer nach unten fallenden Wölbung im Mundraum an, führte dann über einen festen Verschluss der Lippen zu einem Druck, der die Zungenspitze gegen den oberen Zahndamm presste, und endete in einem ausatmenden spitzmündigen Ton, der immer wie eine Anrede klang. Aber obwohl es ein sehr sinnliches Gefühl war, diesen Namen auszusprechen, und obwohl ihm sogar eine gewisse Heiligkeit nicht abging, weil man ja immer ehr geneigt ist, Worte für wahr zu halten, die man nicht versteht, konnte man ihn nicht aufschreiben. Die Heilige selbst habe ich nie einen Stift in der Hand halten sehen, und es hat sie wohl nie jemand gefragt, wie sie sich schreibe, und so war er unschreibbar und damit nicht vorhanden. Und obwohl es schade war, weil diese weiche Bewegung von Zunge, Zähnen und Gaumen mit Sicherheit vielen in der Stadt Freude gemacht hätte, war es doch kein großes Unglück, denn die Heilige kannte man einfach, und sie selbst kannte sich auch.
Im Gegensatz zu den meisten Menschen hatte sie keinerlei selbst auferlegte Regeln, an die sie sich mühsam hätte halten müssen. Ihr einziger Tick, wenn es denn keine Sünde ist, bei einer Heiligen von einem Tick zu sprechen, war, dass sie sich jedes Mal, wenn wir uns begrüßten, entschuldigte, sie sei zu spät, und ich ihr versichern musste, sie sei auf die Minute pünktlich wie immer, und ich denke, dass sie damit ein großes Taktgefühl bewies, weil sie so den Abstand zwischen mir, dem ungeschickten Jünger, der bald gegen die Natur eine Brust bekommen sollte und noch wenig von der Heiligkeit des Korbflechtens wusste, und ihr, der Meisterin, deutlich machte. Es war ein demütiger Akt, der mir ihre grenzenlose Bereitschaft versprach, mich alles zu lehren, was sie von Körben wusste, und ich stellte meine Uhr nach ihrem Kommen. Die Zeit begann mit dem Erscheinen der Heiligen.
Während wir dasaßen, ich den geschmeidig gekrümmten Fingern der Heiligen beim Flechten zusah und mühsam versuchte, die Gesetze zu erlernen, wie eine Weidenrute in die Bahn der anderen einzufügen sei, kniete sie unendlich ruhig neben mir, und wenn ich nachfragte, ob es richtig aussehe, was sich unter meinen Händen wand und brach, begann sie ihre Erklärung mit einem lang gezogenen, leisen Brummen, das tief in ihrem Hals über dem Kehlkopf grollte, als müsse sie erst überlegen, und dann sagte sie schließlich, nun, sie glaube, dieses Muster müsse wohl anders aussehen, und endete mit einem sanften, ehrlich überlegenden: Nicht wahr? Es war vielleicht das deutlichste Zeichen ihrer Heiligkeit, eine Wahrheit, die sie genau wusste, weil sie sie tagtäglich mit den Fingern über und unter flocht, so auszusprechen, als sei es eine Glaubensfrage, die sie persönlich tief bewege und über die sie mit allem Ernst und großer Ehrfurcht nachdenken müsse. Wenn sie mich verbesserte oder mir einen Hinweis auf größere Vollendung oder Schönheit gab, fühlte ich mich nie gemaßregelt, sondern mit einbezogen in die Lehre der Korbflechterei und teilhabend an wirklicher Heiligkeit, und ich dankte es ihr mit Aufmerksamkeiten, wie ich es von meiner Mutter gelernt hatte, die den Alten mit den verfaulten Augen anscheinend ähnlich liebte und vielleicht sogar ein viel größeres Geheimnis mit ihm teilte als ich mit der Korbflechterin.
Von den einfachen Geflechten, bei denen ich Längs- und Querstreifen durch Schrägen vervollkommnete, kam ich später zu Körben mit Spiralwülsten, wobei Spiralen aus Rohr oder Bast vom inneren Ende aus durch die bereits fertigen Maschen gezogen wurden.
Die Heilige war es, die mir, als ich spezielle Korbformen für Lebensmittel und diverse Gegenstände anfertigen wollte, sagte, der Inhalt, der später von einer möglichen Besitzerin hineingefüllt würde, sei nicht das Wichtigste, sondern der Korb. Aber noch wichtiger als der Korb sei das Flechten selbst. Und die Heilige erklärte mir, was man sehe, sei völlig egal, wie es entstanden sei und dass es entstanden sei aber das eigentlich Wichtige. Und sie sagte auch, jeder Korb habe eine eigene Bestimmung und müsse eine Form haben, die ihr möglichst genau entspreche. Teilweise könnte ich das an den Ruten ablesen, an ihrem Wuchs, ihrer Stärke, ihrer Farbe, teilweise stecke es aber auch in meinen Händen. Und sie lehrte mich, in jeden Korb kleine Webfehler einzuarbeiten, so dass unwillkürlich Muster entstanden, von denen keines dem anderen ähnelte. Lass das Rohr ausbrechen, sagte sie zu mir, wenn ich versuchte, etwas ganz Bestimmtes einzuflechten: Es weiß, wie es zu liegen hat. Und nach einiger Zeit waren die Körbe wesentlich unregelmäßiger als früher, nicht weil sie weniger sorgfältig gewesen wären, sondern weil meine Hände gelernt hatten, den Gesetzen der Weidenruten oder Binsen zu folgen. Und sie waren richtiger als vorher, obwohl sie Sprünge und Brüche und Lücken hatten.
Aber ich war nicht wirklich dazu ausersehen, ein Heiliger zu werden, weil meine Körbe Körbe waren und Körbe blieben. Die Körbe der Heiligen waren Kunstwerke aus Maschen und Verflechtungen, die man gegen das Licht halten konnte, um zu sehen, wie die Sonne den lehmigen Boden hell zitternd durchbrach, ähnlich wie sie jetzt durch das schmiedeeiserne Tor von Remas Haus jeden Morgen und Abend eine splitternde, gepflasterte Eisfläche in den Hof wirft.
Die Körbe der Heiligen waren ihrer Bestimmung so nahe gekommen, dass sie als Körbe nicht mehr zu erkennen waren. Manchmal staunte die Heilige selbst darüber. Man konnte sie nicht mehr entweihen, indem man halbe Hühner oder Pflastersteine mit ihnen durch die Gegend schleppte. Auf der letzten Stufe ihrer Entwicklung zur Heiligen war sie eine stille, sehr grade und sehr weit über die Baustellen sehende Korbflechterin, die erkannte, dass sie das wahre Wesen des Korbes nur dann finden konnte, wenn sie jede banale Alltäglichkeit weit von ihm fernhielt. Und so flocht sie tagelang an ihren Körben, arbeitete große Löcher und knubbelige Wülste hinein, und wenn sie fertig war und ihre Hände dem ungebrochenen Holz ganz gefolgt waren, ging sie durch die Stadt, um sie den Leuten zu zeigen.
Die traten respektvoll einen Schritt beiseite, wenn die Heilige ihnen entgegenkam, wechselten manchmal sogar vor Ehrfurcht die Straßenseite, sprachen einander leise Gebete in die Ohren oder drehten aus Demut das Gesicht weg. Auf jeden Fall aber senkten sie den Blick im Vorbeieilen, weil sie wussten, dass es Unglück bringt, die Aufmerksamkeit einer Heiligen, die einen Korb trägt, auf sich zu ziehen.
Und sie brachte die Körbe auf die Felder zwischen den Baustellen. Und irgendwo, an einem Punkt, an dem sie die Stadt nicht mehr toben und schreien hörte, warf sie sie in die Kanäle oder hoch in kahle Baumkronen, wo sie aufgespießt oft lange hingen, oder sie zündete sie an oder ließ sie auf irgendeinem Weg einfach liegen, und das war richtig so, denn schließlich bedeutet Korban ursprünglich Dargebrachtes, wie sie mir erklärte. Wenn sie dann erschöpft zurückkam, sagte sie oft zu mir: Sie waren schön, sie waren unbrauchbar, sie waren heilig. Und sie legte ihre vom Baumsaft dunkel angelaufenen Finger unter mein Kinn und hielt es gegen die Sonne und sagte: Zwei Ziele, sei schön und sei unbrauchbar, heilig wirst du dann von alleine. Und ich glaubte ihr.
Und an manchen Tagen wie diesen, wenn ich nur einen kurzen, zufriedenen Blick auf Remas Haus ganz in meiner Nähe geworfen habe, spüre ich diesen Zeigefinger unter meinem Kinn, und ich straffe meinen Oberkörper, und mein Blick geht einen hohen Bogen, und ohne mit den Lidern zu zittern oder den Kopf zu wenden, sitze ich in meiner Dachkammer und sage halblaut gegen das Fenster Ja, und noch einmal Ja. Und dann spüre ich die Hände der Heiligen auf meinem Rücken unsichtbare Fäden flechten, und sie knüpft sie aus mir heraus zu Remas Haus hin, ganz sachte, sortiert sie streichelnd, prüft mit weichen Kuppen ihre Stärke, ihre Biegsamkeit und flicht ein wild wucherndes Gewebe zum Haus, eine Nabelschnur aus drei Strängen, durch die ich plötzlich atmen kann, in breiten Strömen und mildwarm. Und ich lächle und flüstere mein Ja gegen die Fensterscheibe.
Rema selbst ist den Körben übrigens nicht unähnlich, sie hat zumindest alle Eigenschaften, die man von etwas Heiligem verlangen kann.
Und wahrscheinlich ist Rema die erste, die allererste heilige Hure, die jemals einen Menschen wie mich vernichtet hat, was meinen Sie? Sie ist schön, ich bete sie an, mehrere Stunden täglich und nachts ohnehin, ich liege auf den sprichwörtlichen Knien, und ich weiß, dass sie es wert ist, ich weiß auch, dass Sie das wissen, sonst würden Sie meine Briefe nicht lesen. Ich lebe für diesen Gedanken von milchdurchströmten Federn und weißem Licht, und ich will gerne alles tun, was sie verlangt, würde sie nur einmal, ein einziges Mal etwas verlangen. Sie werden sagen, was will er denn mehr, er hat angeblich ein Fenster, er behauptet sogar, ihr Haus zu sehen. Das ist richtig. Aber ich möchte sie spüren, jede einzelne ihrer Poren mit meinen austauschen, bis wir am Ende Halbgeschöpfe sind.
Natürlich weiß ich, dass sie allen gehört, nicht nur mir, aber nicht auch mir? Habe ich nicht ein Recht darauf, sie zu sehen? Ich habe dafür gezahlt, ich bin weggegangen und habe alles, was ich hatte, gezahlt, um dieses Fenster zu haben: eine Stadt, eine Heilige, die Verse meiner Mutter und die Siebe des Vaters.
Die Sache ist einfach: Besitzen kann ich sie nicht, und ich weiß es natürlich, auch wenn ich es oft verdränge, aber ohne sie leben kann ich auch nicht. Die Möglichkeiten, die mir bleiben, sind ebenfalls einfach: Ich töte mich, ein Fenster dazu hätte ich ja, und ein Sprung wäre nicht viel anders, als mir wie meine Mutter jemanden zu suchen, der mich so lange mit zerblätterten, schwarz bedruckten Augen ansieht, bis es mich von einem Balkon ins Parkett eines Theaters reißt. Die andere Möglichkeit: Ich töte Rema. Ich vernichte sie, bis nichts mehr von ihr übrig ist in mir. Ich suche sie und nehme mir, was ich immer gewollt habe, ich gehe endlich die letzten Meter, nehme den Weg durch meine Schädeldecke, trete aus dem gläsernen Schatten meines Fensters, suche sie auf und trenne ihr den Puls durch, öffne ihr Fleisch überall da, wo er schlägt, zerre ihr die weiße Haut von den Flügeln und breche einen nach dem anderen, bis ich sie nicht mehr brauche, nicht mehr liebe, bis ich ohne sie leben kann. Ich könnte ihr die Augen nach innen drehen, damit sie sieht, was ich Jahr um Jahr gesehen habe.
Ich habe mir nie etwas sehnlicher gewünscht, neben all den anderen Dingen, die unverzichtbar waren, als einmal allein zu sein. Ohne ihren ständigen Heiligenschein um meinen Hinterkopf, ohne dass sie mir dauernd in die Handbewegung fiele, lächelnd manchmal, tadelnd wesentlich öfter, die immer neben mir gestanden hat und mir zur zweiten Haut geworden ist und die sich mir ständig entzieht, wenn ich versuche, sie zu umfassen, sie in mich hineinzurufen, damit sie durch mich menschlich wird, mit mir verschmilzt, damit ich heilig werde, weil mir nie so klar war wie jetzt, dass Schönheit und Unbrauchbarkeit für mich nicht reichen. Größenwahnsinnig sollte man gründlich sein.
Ich habe nicht gewählt. Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass ich hier an diesem Fenster stehe. Es ist das Naheliegendste, das ich tun kann. Und der Ersatz für sie, die dreckigen Mädchen, vor denen ich am Fenster auf und ab gehe, mich zeige und anbiete, können mir nicht das geben, was ich von Rema erwarte.
Was ich möchte, ist einer, nur einer ihrer Flügel, der mittlere, mit den beiden anderen wäre sie noch vollkommen genug, sie braucht den dritten nicht, und ohne ihn könnte sie aufsteigen und würde endlich eingelassen, und dieses jämmerlich schäbige Haus zerflösse in alle Richtungen und sickerte in den Boden wie Tinte. Ich aber hätte einen Flügel. Einen eigenen milchweißen Flügel.
Ihr

Silke Andrea Schuemmer: Remas Haus · Roman
kookbooks _ Reihe Prosa _ herausgegeben von Daniela Seel _ Band 3

160 Seiten, Coverstanzung, Coverinnenseite bedruckt, vier Schmuckblätter auf Transparentpapier mit Zeichnungen nach Motiven aus dem Band von Andreas Töpfer, Klappenbroschur, 15.90 Euro, ISBN 9783937445106

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